AYRTON F. STUCKY

Organisation

ADHS und Prokrastination: Warum du alles in letzter Minute erledigst und wie du da rauskommst

Von Ayrton F. Stucky · Oktober 2026 · 6 min Lesezeit

Du hast drei Wochen Zeit, um ein Dossier abzugeben. Zwanzig Tage lang ist es da, irgendwo in deinem Hinterkopf, und du rührst es nicht an. Am Abend vor der Abgabe setzt du dich endlich dran, arbeitest bis drei Uhr morgens und gibst etwas ziemlich Gutes ab. Dann schwörst du dir, dass du nächstes Mal früher anfängst.

Wenn du dich in diesem Szenario wiedererkennst: Du bist nicht faul. Dein Gehirn läuft einfach mit einem anderen Treibstoff.

Warum dich Dringlichkeit in Gang bringt

Ein ADHS-Gehirn springt nicht auf Wichtigkeit an. Es springt auf Interesse, Neues, Herausforderung oder Dringlichkeit an. Zu wissen, dass eine Aufgabe wichtig ist, reicht nicht, um loszulegen. Solange die Frist weit weg ist, erzeugt sie kaum Spannung und damit auch kaum Energie.

Am Abend vorher ändert sich alles. Der Druck steigt, das Dopamin zieht nach, und plötzlich kannst du dich stundenlang konzentrieren. Deshalb hast du das Gefühl, «unter Druck besser zu arbeiten». Das ist nicht falsch. Aber du bezahlst einen hohen Preis dafür: kurze Nächte, Stress, schwankende Qualität und ein schlechtes Gewissen, das jedes Mal wiederkommt.

Die eigentliche Blockade: der Anfang

Meistens ist nicht das Arbeiten das Problem, sondern das Anfangen. Eine Aufgabe, die unklar ist, lange dauert oder keinen sofortigen Spass macht, gibt dem Gehirn einen hervorragenden Grund, sich etwas anderem zuzuwenden. Und je länger du sie vor dir herschiebst, desto grösser wird sie im Kopf und desto schwerer fällt der Anfang.

Das Ziel ist also nicht, über Nacht ein durchorganisierter Mensch zu werden. Es geht darum, das Anfangen leichter zu machen als das Ausweichen.

Fünf Hebel, um anzufangen, bevor die Panik kommt

1. Den ersten Schritt fast auf null reduzieren

«Das Dossier machen» kann man nicht anfangen. «Das Dokument öffnen und den Titel schreiben» schon. Zerlege die Aufgabe so lange, bis dir der erste Schritt fast lächerlich vorkommt. Wenn du einmal drin bist, ergibt sich der Rest oft von selbst.

2. Künstliche Dringlichkeit schaffen

Wenn dein Gehirn eine Frist braucht, dann gib ihm nahe Fristen. Kündige jemandem an, dass du ihm am Donnerstag eine erste Version schickst. Blocke dir ein Zeitfenster in der Agenda wie einen echten Termin. Stell einen Timer auf 25 Minuten und nimm dir vor, aufzuhören, sobald er klingelt.

3. Mit jemandem zusammen arbeiten

In Gegenwart einer anderen Person zu arbeiten, auch wenn sie etwas ganz anderes macht, hilft enorm, bei der Sache zu bleiben. Auf Englisch nennt man das «Body Doubling». Ein Freund im Videocall, ein Café, ein Coworking-Space: Oft genügt schon die blosse Anwesenheit von jemandem.

4. Die Aufgabe interessanter machen

Wechsle den Ort, mach Musik an, die dich trägt, mach aus der Aufgabe eine Challenge («Wie viele Mails schaffe ich in 20 Minuten?»). Das ist kein Schummeln. Du gibst deinem Gehirn einfach den Treibstoff, den es braucht.

5. Im Voraus festlegen, wann du anfängst

«Ich mache es diese Woche» funktioniert fast nie. «Am Dienstag um 9 Uhr, nach meinem Kaffee, öffne ich das Dokument» funktioniert viel besser. Eine genaue Uhrzeit und ein klarer Auslöser nehmen dir eine Entscheidung ab, und zwar genau dann, wenn du am wenigsten Energie hast, sie zu treffen.

Und wenn es trotzdem schiefgeht?

Manchmal wird es schiefgehen. Es geht nicht darum, nie mehr zu prokrastinieren, sondern seltener, weniger lange und mit weniger Schaden. Jedes Mal, wenn du eine Aufgabe vor der Panik anpackst, beweist du deinem Gehirn, dass es möglich ist. So entsteht eine Gewohnheit.

Woran wir im Coaching arbeiten

In meinem Programm ist «Wichtige Aufgaben anpacken» einer der sechs Bereiche, die wir zu Beginn und am Ende messen. Wir arbeiten vor allem im dritten Block, «Umsetzung und Prioritäten», daran: Wir finden gemeinsam heraus, was dich konkret blockiert, setzen die Hebel ein, die zu deiner Funktionsweise passen, und justieren Woche für Woche nach.

Möchtest du mit einem Einzelcoaching weiterkommen?

Ein unverbindliches Erstgespräch. Nur wenige Plätze pro Monat.

← Alle Artikel