Du schaust auf die Uhr: noch zwanzig Minuten, mehr als genug. Du beantwortest eine Nachricht, suchst deine Schlüssel, entdeckst noch etwas, das du erledigen solltest. Und auf einmal bist du zu spät. Schon wieder.
Das ist kein fehlender Respekt gegenüber anderen. Mit ADHS fühlt sich Zeit einfach anders an.
Zeit hat zwei Einstellungen: jetzt und nicht jetzt
Für viele Menschen mit ADHS gibt es nur zwei Zeitpunkte: jetzt und nicht jetzt. Alles, was in der Zukunft liegt, ob in einer Stunde oder in drei Wochen, fühlt sich ungefähr gleich an, nämlich nach gar nichts. Der ADHS-Experte Russell Barkley spricht von einer Art «Zeitblindheit».
Die Folge: Du unterschätzt fast immer, wie lange etwas dauert, du siehst Fristen nicht kommen und wirst von einer Uhrzeit überrascht, die eben noch weit weg schien.
Zeit sichtbar machen
Wenn dein Gehirn nicht spürt, wie die Zeit vergeht, musst du sie ihm zeigen.
1. Eine analoge Uhr oder ein visueller Timer
Eine Uhr mit Zeigern zeigt die verbleibende Zeit als Fläche, nicht als Zahl. Ein visueller Timer, auf dem eine farbige Fläche immer kleiner wird, funktioniert für Aufgaben sogar noch besser.
2. Deine Schätzungen multiplizieren
Gewöhn dir an, die Zeit, die eine Aufgabe deiner Meinung nach dauert, mit 1,5 oder 2 zu multiplizieren. Das wirkt übertrieben, bis zu dem Tag, an dem du pünktlich ankommst.
3. In Aufbruchszeiten denken, nicht in Ankunftszeiten
«Ich muss um 14 Uhr dort sein» löst nichts aus. «Ich gehe um 13.35 Uhr los» ist eine konkrete Handlung. Stell den Alarm auf die Aufbruchszeit, nicht auf die Zeit des Termins.
4. Puffer einplanen
Lass zwischen zwei Terminen fünfzehn Minuten Luft. Diese Zeit ist nie verloren: Sie fängt das Unvorhergesehene auf, das mit ADHS fast immer dazwischenkommt.
5. Ferne Fristen aufteilen
Eine Frist in einem Monat existiert für dein Gehirn nicht. Teil sie in Etappen mit jeweils eigenem Datum auf, idealerweise schon diese Woche. Jede kleine, nahe Frist wird so zum Antrieb.
Aufhören, dich zu verurteilen
Zu spät zu kommen ist keine Charaktereigenschaft. Es ist das Ergebnis eines Gehirns, das Zeit schlecht wahrnimmt, und von Werkzeugen, die nicht dazu passen. Mit den richtigen sichtbaren Orientierungspunkten machen die meisten Menschen deutliche Fortschritte, manchmal schon innerhalb weniger Wochen.
Woran wir im Coaching arbeiten
«Pünktlich sein und Fristen einhalten» ist einer der sechs Bereiche, die wir zu Beginn und am Ende meines Programms messen. An der verzerrten Zeitwahrnehmung arbeiten wir vor allem im dritten Block, «Umsetzung und Prioritäten», mit Werkzeugen, die wir an deinen echten Alltag anpassen, nicht an eine ideale Agenda.